Schritt 11 – Die beleidigte Standarte
Ein kleines Update zwischendurch, denn dieses Bauteil wurde bisher sträflich vernachlässigt. Während Schulterpanzer, Brustplatte, Schild und sämtliche Schädel regelmäßig ins Rampenlicht durften, hing die Standarte die ganze Zeit still im Hintergrund und wartete auf ihre Gelegenheit.
Offenbar lange genug.
Nach mehrfachem, lautstarkem Beschweren und wiederholtem Herumzappeln zwischen den Fingern wurde daher beschlossen, ihr endlich etwas Aufmerksamkeit zu schenken.
Auch an diesem Bauteil beginnt nun langsam die eigentliche Ausarbeitung. Die ersten Gold- und Knochenbereiche wurden angelegt und bereits mit Schatten sowie Lasuren bearbeitet. Besonders das große Schädelornament an der Front dient dabei als zentraler Blickfang und gibt bereits eine gute Vorstellung davon, in welche Richtung die spätere Gestaltung gehen wird.
Auf der Rückseite wurde außerdem der Stoffbehang begonnen. Aktuell befindet sich dieser noch in einem frühen Bearbeitungsstadium, die grundlegenden Farbverläufe und Faltenwürfe sind jedoch bereits angelegt. Gerade bei Stoffen arbeite ich gerne schrittweise von dunkel nach hell, damit die Falten ihre Tiefe behalten und nicht zu flach wirken.
Wie bei vielen anderen Bereichen dieser Figur zeigt sich auch hier wieder die enorme Detaildichte des Modells. Selbst ein Bauteil, das ursprünglich eher als Nebendarsteller gedacht war, bringt genügend Verzierungen, Ornamente und Materialwechsel mit, um daraus beinahe ein eigenes kleines Bemalprojekt zu machen.
Noch ist vieles im Rohzustand. Schatten werden weiter vertieft, Highlights verstärkt und zahlreiche Details warten noch auf ihre endgültige Farbgebung. Trotzdem lässt sich bereits erkennen, wie sich die Standarte später in das Gesamtbild der Figur einfügen wird.
Und vor allem:
Sie kann nun nicht mehr behaupten, völlig ignoriert worden zu sein.
Schritt 12 – Kratzer, Einschläge und erste Hochzeit
Langsam aber sicher nähert sich das Projekt der Zielgeraden. Die großen Farbentscheidungen sind inzwischen gefallen, viele Bereiche haben ihre endgültige Richtung gefunden und damit beginnt eine Phase, die zwar wenig spektakulär aussieht, aber enorm viel Zeit verschlingt: Alterung und Beschädigungen.
Ein Großteil der letzten Arbeit bestand aus dem Bemalen von Kratzern, Schrammen und kleinen Einschlagsspuren. Nichts davon entstand durch Zufall oder Trockenbürsten. Die meisten Beschädigungen wurden tatsächlich einzeln mit der Pinselspitze aufgemalt. Millimeter für Millimeter, Kratzer für Kratzer.
Gerade bei einer Figur dieser Größe wäre eine makellose Oberfläche zwar beeindruckend, würde aber kaum zur Geschichte des Charakters passen. Eine Rüstung, die über Jahrhunderte unzählige Schlachtfelder gesehen hat, sollte ihre Vergangenheit auch sichtbar mit sich herumtragen.
Zusätzlich kamen an verschiedenen Stellen schwarze Ölfarben-Washes zum Einsatz. Besonders auf den goldenen Bereichen sorgen diese für mehr Tiefe und helfen dabei, Ornamente, Vertiefungen und Kanten stärker herauszuarbeiten. Die Wirkung ist oft subtil, trägt aber viel zum Gesamteindruck bei.
Ein weiterer wichtiger Schritt wurde ebenfalls gemacht: Die ersten Bauteile wurden endgültig verklebt.
Das klingt zunächst unspektakulär, markiert aber einen Wendepunkt im Projekt. Solange alles nur lose zusammengesteckt ist, befindet man sich noch im Bauprozess. Mit jedem fest verklebten Teil wird aus einer Ansammlung einzelner Baugruppen langsam wieder eine vollständige Figur.
Und wie immer gilt: Kaum ist ein Bereich abgeschlossen, fallen beim nächsten Blick schon wieder neue Details auf, die man noch etwas verbessern, altern oder hervorheben könnte. Der Unterschied ist nur, dass die Liste der offenen Baustellen inzwischen endlich kürzer wird.
Zumindest theoretisch.
Schritt 13 – Warum man Kratzer erst am Ende versteht
Jetzt wird es langsam flotter.
Die meisten Einzelteile sind vorbereitet, bemalt und gealtert. Ab diesem Punkt geht es weniger um große Malarbeiten und mehr darum, die vorbereiteten Baugruppen Schritt für Schritt zusammenzufügen. Natürlich werden hier und da noch Kleinigkeiten ausgebessert, aber der eigentliche Charakter des Modells steht inzwischen fest.
Warum also diese Bilderflut von einem scheinbar belanglosen Zusammenbau?
Weil genau hier etwas passiert, das man besonders als Einsteiger oft unterschätzt.
Betrachtet man ein einzelnes Bauteil, sieht man jede Schramme. Jeden Kratzer. Jeden Einschlag. Man verbringt Stunden damit, winzige Details herauszuarbeiten und beginnt irgendwann zu überlegen, ob man vielleicht sogar schon übertrieben hat.
Sobald die Teile jedoch zusammenfinden, verändert sich die Wahrnehmung schlagartig.
Das Auge zählt keine Kratzer mehr.
Es betrachtet plötzlich die Figur als Ganzes.
Viele Effekte, die am Einzelteil beinahe übertrieben wirken, verschwinden im Gesamtbild förmlich. Andere, die man für nebensächlich hielt, werden plötzlich zu wichtigen Blickfängen. Farben wirken anders. Kontraste verändern ihre Wahrnehmung. Selbst die Intensität von Verschmutzungen oder Alterungsspuren verschiebt sich.
Genau deshalb beginnt die eigentliche Bemalung oft lange bevor der erste Pinselstrich gesetzt wird.
Man benötigt zumindest eine grobe Vorstellung davon, wie das fertige Modell später wirken soll. Wo starke Kontraste sitzen dürfen. Welche Bereiche Aufmerksamkeit erzeugen sollen. Wo Schäden sinnvoll sind und wo sie eher ablenken würden. Welche Farben miteinander arbeiten – und welche gegeneinander.
Ein Modell entsteht letztlich nicht aus einzelnen Effekten.
Es entsteht aus dem Zusammenspiel aller Effekte.
Kratzer, Schatten, Highlights, Farbübergänge, Verschmutzungen und Materialdarstellung sollen nicht darum kämpfen, wer am lautesten schreit. Sie sollen gemeinsam dieselbe Geschichte erzählen.
Und genau deshalb sind solche Zwischenstände oft spannender als sie auf den ersten Blick wirken.
Denn hier sieht man den Moment, in dem aus vielen Einzelteilen langsam wieder ein Charakter wird.
Oder anders gesagt:
Der Punkt, an dem die Kratzer endlich aufhören, sich wichtig zu machen und anfangen, ihren Job zu erledigen.
Schritt 14 – Die letzten Details
Die Fertigstellung rückt in greifbare Nähe.
In diesem Bauabschnitt wurden die Stoffteile, Taschen, Ehrenzeichen, Schmuckelemente, die Laterne und zahlreiche weitere Kleinteile angebracht. Es sind genau diese Details, die einer Figur am Ende oft ihren Charakter verleihen. Nicht die großen Panzerplatten oder die imposante Kettenschwertklinge ziehen den Blick dauerhaft auf sich, sondern die vielen kleinen Geschichten, die zwischen ihnen verborgen liegen.
Ob jedes einzelne Detail loretechnisch hundertprozentig korrekt umgesetzt ist, kann ich nicht mit letzter Sicherheit sagen. Bei einem Projekt dieser Größe verliert man sich zwangsläufig irgendwann zwischen offiziellen Vorlagen, unterschiedlichen Darstellungen und eigenen Interpretationen. Ich hoffe jedoch, dass ich deutlich häufiger richtig als falsch gelegen habe.
Viel fehlt nun nicht mehr.
Die beiden Fackeln für das Rückenteil warten noch auf ihre Bemalung und Montage. Danach stehen lediglich einige kleinere Korrekturen und Ausbesserungen an. Hier und da eine Stelle nacharbeiten, Übergänge kontrollieren und die letzten Details überprüfen.
Der Punkt, an dem man ein Projekt nicht mehr baut, sondern nur noch kritisch betrachtet, rückt damit immer näher.
Und das ist meist ein gutes Zeichen.
Wer sich für die fertige Figur und weitere Detailaufnahmen interessiert, findet die komplette Galerie hier:
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